Was ist Multimodale Kunsttherapie (Expressive Arts)?

Der Ansatz und die Vision des Colleges

Die Vision des Colleges ist Personen auszubilden, die mit der Kunst sowohl die Schönheit, die Freude und die Liebe zum Leben neu erkennen als auch Lösungsmöglichkeiten und Formen des Umgangs für Ihre Anliegen und Probleme durch die Künste entwickeln und umsetzen.

Wenn Klienten mit einem Anliegen kommen, dann vergessen wir oft, dass diese die wahren Experten des Anliegens sind. Denn bevor sich manche in die Therapie/Beratungsprozess begeben, haben sie Ihr Problem wohl eingehend analysiert und studiert! Daher ist statt einer Konzentrierung auf die bisherigen Sicht- und Vorgehensweisen eine Dezentrierung notwendig. Seit vielen Jahren zeigen Psychologen auf, dass ein schöpferisches und produktives Denken ein Zurücktreten und Loslassen von festgefahrenen Strukturen voraussetzt. Dies führt vorübergehend zu Unsicherheiten und Unbekanntem. In dieser Unordnung können andere Dinge sichtbar werden und Neues entstehen. Dies beschreibt den Weg vom vorübergehenden Chaos zur neu entstanden Ordnung.

Eine humorvolle Karikatur, die Paolo Knill in seinem Buch „Lösungskunst“ verwendet bringt es sehr gut auf den Punkt. Zwei Manager laufen in Panik auf zwei nebeneinander liegenden Schienen vor einem hinter Ihnen herannahenden Zug davon und rufen sich laut zu: „Wenn nicht bald eine Weiche kommt, sind wir verloren!“ Die Idee, dass beide von den vorgegebenen Schienen leicht abweichen könnten, um in nicht vorgegebene Wege der Natur auszuweichen fällt ihnen nicht ein.

Die Frage, wie wir noch schneller vor dem Zug weglaufen können versperrt oft den Blick auf neue unkonventionelle Sichtweisen. Die Kunst mit Ihrem Charakteristikum des Überraschendem, Neuen und Unkonventionellen zeigt uns diese neuen Lösungsmöglichkeiten auf. Als Künstler stehen wir immer wieder vor dem Neuen und Unbekannten; einer weißen Leinwand, einem stillen Raum oder einem leeren Blatt Papier. Dies ist eine der großen Potentiale der Kunst, die für die Therapie nutzbar gemacht werden können. Bei unserem Ansatz geht es darum, wie Personen aus ihren vergessenen Ressourcen Gebrauch machen können, um Lösungen zu finden.

Unsere Aus– und Weiterbildung basiert auf dem systemischen und dem kunst– und lösungsorientierten Ansatz! Die AusbildungskandidatInnen lernen über die künstlerischen Medien und aus den daraus entstandenen Werken Lösungen für die Klienten abzuleiten! Dabei geht es um das Betrachten des Anliegens aus verschiedenen Blickwinkeln und um die Findung neuer Perspektiven und Lösungen! Der systemische Ansatz bringt Licht in die vielfältigen Verstrickungen und Beziehungsabläufe und gibt gemeinsam mit der Kunst Ideen für neue Handlungsweisen, die aus den Ressourcen des Einzelnen entspringen. Der Perspektivenwechsel und die Betrachtung des Anliegens aus verschiedenen Blickwinkeln sind die zentralen Merkmale dieses Ansatzes.

Theorie und Praxis des Ausbildungskonzeptes basieren auf der Zusammenarbeit mit der European Graduate School EGS in der Schweiz und deren Forschungsergebnissen, die seit mehr als 30 Jahren auf der Lesley University, Cambridge USA, und an der EGS gemacht werden. Prof. Dr. Margo, Ph.D und Prof. Dr. h.c. Paolo J. Knill, Ph.D, Gründer und wissenschaftlicher Berater dieser Schule, hat dieses Konzept stark mitgeprägt.

Bei unserem Verständnis geht es darum, den Menschen als ganzheitliches, nicht nur physisches und psychisches, sondern auch als schöpferisches und spirituelles Wesen zu betrachten und ihn in seiner Verbundenheit mit der allgegenwärtigen Lebenskraft und Liebe zu stärken, sowie ihm zu helfen, durch Kreativität und Kunst weitere Dimensionen und neue Sichtweisen zu erlangen. Es ist ein Weg der Freude, der Liebe und der Selbsterkenntnis. Künstlerisches Tun und Kreativität ist dem Menschen eigen und angeboren! Dies wird beim Spielen der Kinder sichtbar, durch das sie die Welt erfahren, wahrnehmen und begreifen lernen; neue Handlungen spielerisch erproben und Zusammenhänge wahrnehmen.

Das schöpferische Gestalten erhält gesund und trägt zum Wohlbefinden bei. Die Kunst bereitet den Boden für das Leben und ist der Balsam für die Seele! Durch das künstlerische Tun begegnen wir uns selbst und lernen uns und den anderen besser kennen. Der Teilnehmer lernt die Dinge mit neuen Augen zu sehen und verwendet seine Ressourcen für interessante, neue und realisierbare Lösungen. Die Kunst gibt dazu die not-wendigen Inputs und Ideen für die neuen Handlungsweisen. Dadurch werden die schwierigen Situationen und Probleme in einem anderen Licht gesehen und neue Lösungen werden gefunden und erlebt. Die Kunst regt in sich dazu an kreative und neue Problemlösungen zu finden, sie kann eben verunsichern, irritieren und auf jeden Fall überraschen. Der Zugang zu dieser Ästhetik, dieser Lehre des sinnlich Wahrnehmbaren, ist jedem eigen und vermittelt darüber hinaus Spaß und Freude am künstlerischen Gestalten. Das künstlerische Tun fördert die Suche nach den eigenen Ressourcen. Das künstlerische Handeln ist eine eigene Sprache, die inspiriert und durch diese neue Sprache werden daher auch neue, auch ungewöhnliche Perspektiven und Wege sichtbar und erlebbar gemacht. Der künstlerische Prozess dient als Modell für den Umgang mit Hindernissen und Überraschendem!

Diese Ausbildung richtet sich an Menschen, die bereit sind, die Herausforderungen anzunehmen und Ihre Kreativität, ihr künstlerisches Tun, ihre methodischen und sozialen Kompetenzen in unterschiedlichen Organisationen und sozialen Berufen als in geriatrischen, kirchlichen (Seelsorge, Jugendarbeit) und gesundheitlichen Bereichen einsetzen wollen.

„(…) Kunst – egal welche – ist für ein gelungenes Leben absolut notwendig. Kunstbetrachtung hilft uns, über Konventionen hinwegzugehen. Sie bringt innere Bilder zum Klingen, hilft, uns auf unbekanntes Terrain zu wagen. Wenn Sie wollen, ist das eine Art Prophylaxe. Ich gehöre nicht zu denen, die meinen, Kunsttherapie solle nur klinisch angewandt werden. Das scheint mir so, als würde man erst mit der Rettung beginnen, wenn es zu spät ist. Deshalb mein Rat: Tun Sie was sie besonders gern mögen. Gehen Sie ins Museum, hören Sie Musik, tanzen Sie. Geben Sie Ihren Sinnen eine Chance!“  –Peter Sinapius, 2014

 

Das Welt- und Menschenbild

Die kunstanaloge Haltung und das systemische Weltbild prägen unsere Ausbildung. Die Begegnung und die Beziehung basiert auf der dialogischen, der ressourcenorientierten, der empathischen und der phänomenologischen Haltung  mit den zentralen Fragen nach dem was und wie es sich zeigt. Dieses Weltbild geht davon aus, dass der Mensch in sich alle Lösungen bereit hat und es um das Aufzeigen dieser Ressourcen als Mittel geht. Der intuitive, spirituelle und ganzheitliche Zugang spielt dabei ebenso eine wesentliche Rolle! Durch die die Methode der „Intermodalen Dezentrierung“ -IDEC© ist ein Abwenden vom Problem und ein Hinwenden zur Kunst mit seinen neuen Möglichkeiten und Sichtweisen gegeben. Die Lösungen in und durch die Kunst werden mit der nachfolgenden ästhetischen Analyse gefunden. Daher dient die Kunst nicht als Illustrations– oder Visualisierungswerkzeug, sondern schafft durch das künstlerische Handeln ein Kunstwerk, welches neue Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.

Im künstlerischen Tun erlebt die Person eine alternative Wirklichkeit in der neue ungeahnte Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten erlebt werden können. Der Transfer dieser Erfahrung in die Alltagsrealität ist schließlich das lösungsorientierte Vorgehen dieser künstlerischen – multimodalen Methode.

Prof. Peter Sinapius, Ph.D., Dozent beim Masterstudiengang Intermediale Kunsttherapie auf der MSH Medical School Hamburg beschreibt diese andere Wirklichkeit der Kunst in dem folgenden Interviewauszug sehr treffend:

„In der Kunst kann ich Erfahrungen machen, die mir sonst verwehrt bleiben. Ich sehe Dinge, die es so in meinem Leben nicht gibt. Vor allem sehe ich Farben, Formen , Kompositionen. „Was kommt mir da entgegen?“, frage ich mich vielleicht vor einem Bild. „Wieso sticht mir dieses Gelb so in die Augen?“ Das mache ich mir als Kunsttherapeut zunutze. Mit den Sinnen wahrzunehmen kann jeder. Selbst Menschen mit schwerer Demenz sind noch über sinnliche  Eindrücke erreichbar. Konkret arbeite ich in einem imaginärten Raum, der sich von der Realität vollkommen unterscheidet. Ich bezeichne ihn als Probebühne. Hier werden ästhetische Erfahrungen wichtig, wie der Klang meiner Stimme und der Stimme meines Gegenübers, die Choreografie unserer Mimik und Gestik. Natürlich kommt auch Kunst zum Einsatz. Auf der therapeutischen Bühne können Lösungen geprobt werden, die im Alltag nicht denkbar sind. Und auf die wir nicht durch Reden kommen oder durch das Analysieren von Problemen, sondern durch das kreative Spiel. (Peter Sinapius, 2014)

Die Begegnung und der künstlerische Prozess lässt Raum für Unvorhergesehenes, Unvermittelbares und Überraschendes. Dieses „Dritte“ oder „Überraschendes“ eröffnet Raum für Neues und Werdendes. Der Kunsttherapeut und der Klient begegnen sich nicht als gleiche, aber doch gleichwertige Partner, die im kunstorientierten Prozess und künstlerischen Tun etwas Drittes erschaffen, ein Bild, ein Musik- oder Theaterstück, eine Geschichte, einen Tanz. Dieses vom Klienten und Therapeuten geschaffene „Werk“ verändert die am Prozess Beteiligten wiederum. In der Begegnung mit dem Kunstwerk kann „Neues“ sichtbar werden und neue Lösungsansätze verstehbar werden. Durch die Sichtweise, dass das Kunstwerk eigenständig und autonom ist geschieht ein neuer Dialog zwischen den Beteiligten, wodurch neue Perspektiven sich eröffnen und Handlungsspielräume größer werden. Das Kunstwerk dient auch als Rahmen und Struktur für den freien künstlerischen Ausdruck und gibt somit auch Sicherheit und Vertrauen.

„Dieser lösungsorientierte Ansatz kommt aus den USA. Er wurde in den 1960er Jahren unter dem Begriff Expressive Arts Therapy bekannt. Im Kern geht es darum, durch Kunst Veränderungen anzustoßen, und zwar quer durch alle Disziplinen, das heißt mit bildender Kunst, Tanz, Schauspiel, Musik oder Poesie. In der Therapie lassen wir das eigentliche Problem los und wenden uns einer anderen gestalterisch-künstlerischen Tätigkeit zu. Das stärkt das Gefühl, Lösungen zu finden.“ (Peter Sinapius, 2014)

Um die Herausforderungen und Fragen unserer Zeit sinnvoll begegnen zu können ist unser Bildungs- und Gesellschaftssystem gefordert immer wieder Neues neben dem Traditionellen zu entdecken, Lösungen zu finden und fächerübergreifend zu agieren. Die Arbeit über verschiedene künstlerische Medien in der Kunsttherapie gibt uns die Möglichkeit kreative und neue Perspektiven für uns und unsere Gesellschaft zu finden, sowie das Selbstbewusstsein und die Persönlichkeit des Einzelnen zu fördern und zu stärken.

Steve de Shazer betonte immer wieder, dass es keine Probleme ohne Lösungen gibt und daher in jeder Situation Ressourcen, Stärken und Erfolge gefunden werden können. (Insoo Kim Berg/Steve de Shazer, 2008.) Der multimodale kunsttherapeutische Ansatz ist überzeugt, dass kleine Veränderungen große Wirkungen mit sich bringen können. Ein kleiner Pinselstrich, ein Farbtupfer am Bild verändert das ganze Werk. Eine weitere wichtige systemische Grundhaltung ist, dass die Klientin die Expertin für Ihr Leben ist! Sie kennt Ihre Bedürfnisse und gestaltet ihre Wirklichkeit selbst (Konstruktivismus). Das konstruktivistische Denken hat den Vorteil, dass es unterschiedliche Perspektiven ein und derselben „Tatsache“ und „Wirklichkeit“ gibt, die für uns förderlich für Veränderungen sind. Auch in der Kunst wird der Schöpfer des Werkes nicht in Frage gestellt. Dies bedeutet, dass die Klientin sowohl in der Lösungsorientierung als auch in der Werkorientierung die Expertin ist. Dies setzt als Kunsttherapeut eine Haltung der Wertschätzung und des Nicht-wissens voraus. Als Kunsttherapeut bin ich dem Prozessverlauf gegenüber offen, denn ich weiß nicht immer wo der Prozess hinführt oder welche vorgeschlagenen Materialien und Strukturen das künstlerische Werk schließlich gestalten beziehungsweise wann das Werk fertig ist. Die Haltung der wertschätzenden Neugier stets als „autonom“ und „expertenhaft“ zu sehen und anzuerkennen und Aufmerksamkeit für Überraschendes begünstigen ein solches Unterfangen.